Querdenken! Warum „Think outside the box“ falsch ist

Hast du auch schon mal in einem Meeting gesessen, nach kreativen Lösungen gesucht und dich dazu gezwungen „outside the box“ zu denken? Und? – Hat es etwas gebracht? Aus meiner Erfahrung mit Gründern und Start-Ups weiß ich, dass dieser Ansatz nur selten Erfolg verspricht. Wir wollen uns damit beschäftigen, warum das so ist und was du stattdessen tun kannst.

Wenn es nämlich um das Thema Kreativität geht, gibt es viele (Binsen-)Weisheiten. Eine sticht dabei besonders hervor: „Think outside the box“. Das bedeutet also etwa so viel wie „denke quer“ oder „denke in neuen Mustern“. Doch die meisten Menschen, meistens Vorgesetzte, wissen gar nicht so genau, was sich dahinter verbirgt und setzen es daher meist falsch ein. Das beginnt schon damit, dass das Konzept „Think outside the box“ als bekannt vorausgesetzt wird. In Wahrheit verhält es sich aber eben so, dass weder Vorgesetzt noch Anwesende wirklich wissen, was gemeint ist. Das Problem ist wohl, dass „Thinking outside the box“ nach sehr viel klingt und die direkte Übersetzung so herrlich freigeistig und kreativ wirkt. Es muss aber zu Anfang festgehalten werden, dass es mit der Benennung dieses Denkkonzeptes nicht getan ist. Vielmehr muss erst einmal der Inhalt des Labels „Think outside the box“ benannt werden. Und anschließend widmen wir uns der Begründung, warum das Ganze so nicht funktioniert.

Dennoch kannst du die ganze Idee, „outside the box“ zu denken, aufgreifen, um eine neue, wirklich innovative Methode zur Ideenfindung für dich zu entdecken. Aber der Reihe nach…

Zunächst müssen wir uns ansehen, was „outside the box“ zu denken wirklich für uns bedeutet. Die meisten nutzen es mit der Intention, das Bestehende aufzubrechen und das Unmögliche zu realisieren. Radikale Ideen sollen entstehen. Ideen, die vorher nicht zugänglich waren. Der Widerspruch in sich liegt hier begraben, denn es hat seine Gründe, weshalb diese Ideen vorher nicht präsent waren. Ein einfaches „Los, denk quer“ unseres Chefs setzt schließlich keine Superkräfte frei. Wenn ich dir jetzt sage, nicht an einen roten Hammer zu denken, wirst du schließlich eher an einen roten Hammer denken. Das Problem ist also, dass die Aufforderung, aus Denkmustern auszubrechen, uns gedanklich erst einmal zur Beschäftigung mit unseren Denkmustern zwingt. Das, was daran wirklich spannend ist, ist dass es für viele Menschen das erste Mal ist, sich bewusst mit ihren Denkmustern auseinanderzusetzen. Aber die bloße Aufforderung zur Kreativität oder – abstrakter – zum Neuen führt zu nichts.

Das Denkmuster, mit dem wir uns beschäftigen wollen, nennen wir Box. Das Denken außerhalb der Box wäre also ein Denken außerhalb der gewohnten Denkmuster. Damit hast du nun noch einen der Begründung, warum das so verdammt schwierig ist: Du kannst ganz einfach nicht gezielt außerhalb deiner eigenen Strukturen denken, wenn du deine Strukturen nicht einmal kennst. Gleichzeitig bedeutet ein Kennen der Denkmuster ja nicht, dass alles außerhalb dieser Muster sinnvoll und kreativ wäre. Dem ist nicht so. Es braucht also noch ein bisschen mehr. Außerdem ist es sehr schwierig, außerhalb deiner Box zu denken – denn schließlich handelt es sich um die Denkmuster, die du zum Denken benutzt. Wenn du dir vornimmst, „outside the box“ zu denken, hast du – richtig – ein neues Denkmuster innerhalb deiner Box. Wir müssen also einen anderen Weg finden.

Wir müssen erst einmal unsere Box finden, sie von anderen Boxen abzugrenzen lernen und anschließend einmal betrachten, wie wir gezielt neue Boxen gestalten oder das Beste aus einer bereits bestehenden Box machen. Denn ich sage dir direkt hier: Deine Box wirst du nicht so schnell los.

Think outside the box – Die eigene Box ausfindig machen und definieren


Wir suchen also nach der angesprochenen Box, außerhalb derer wir denken sollen. Die ist allerdings so lange unsichtbar und undefiniert, bis du sie selber ausfindig machst. Um wirklich querzudenken, müssen wir uns zunächst unserer derzeitigen Denkmuster bewusst werden. Wir müssen also verstehen, in welcher Box wir uns gerade befinden und welche Einflüsse auf unser Denken wirken. Schließlich haben unsere Lebenssituation, unsere Ausbildung, unser Job, unsere Freunde, unsere Familie, ja – unsere komplette Umwelt – Einfluss auf unser Denken. Besonders unsere Ausbildung bzw. Beruf steht dabei häufig im Mittelpunkt. In der Psychologie wird dazu der Begriff „Funktionale Fixierung“ benutzt. Das bedeutet, dass wir uns in unseren Überlegungen und Handlungen auf gewohnte Strategien berufen, die in der Vergangenheit erfolgreich waren.

Hierzu ein kleiner Exkurs in die Evolutionslehre: Als der Mensch Kultur und Wissen entwickelte, war es so, dass vieles am Anfang durch das Ausprobieren und durch Zufälle gelang. Da sind etwa das Feuermachen, die Jagd oder auch die Flucht vor Löwen zu nennen (außer, man konnte sie mit guten Ideen überzeugen). Diese Dinge haben Generationen von Menschen unter sich weitergegeben. Eltern zeigten Kindern das Jagen und Feuermachen. Und es gab immer eine oder wenige Techniken, die funktioniert haben. Die Box unserer Vorfahren war somit sehr funktional und das hat sehr dazu beigetragen, dass es den Menschen mit seinen Kulturen heute überhaupt gibt. Aber genau das ist uns im Gehirn unterbewusst erhalten geblieben: Wir tun Dinge so, wie wir sie gelernt haben und wie sie funktional sind und wir dadurch – überspitzt ausgedrückt – überleben.

Das führt dazu, dass neue Impulse (wir nennen sie meistens Kreativität oder einfach Ideen) es schwieriger haben. Aber irgendwann wird wohl jemand neue Arten des Feuermachens entdeckt haben und die meisten Jäger sind nicht mehr mit Speeren unterwegs. Es gibt also einen Fortschritt, weil neue Ideen sich durchsetzen und sie ebenfalls (und besser) funktionieren. Du siehst also, dass „Think outside the box“ und Fortschritt miteinander verwoben sind. Aber das ist nicht so, weil irgendjemand einem entfernten Vorfahr sagte, er möge bitte außerhalb seiner Box denken. Vielmehr hat er einfach etwas Neues ausprobiert oder es spielten auch ein glücklicher Zufall oder eine Erfindung eine Rolle.

Die Welt heute ist schneller und kurzweiliger als vergangene Zeiten. Du kannst nicht immer darauf warten, dass der Geistesblitz kommt. Konkurrenzdruck ist da und manchmal verlangt eben jemand, dass du mal „spontan“ außerhalb deiner Box denkst. Keine Sorge: Das klappt alles irgendwie. Dafür musst du deine Box jetzt aber wirklich finden.

Um sich seiner Denkweise, also seiner Box, bewusst zu werden, kann vieles helfen. Man kann eine kleine Mindmap erstellen und alle Faktoren und Parameter auflisten, die einen bewusst treiben. Aber auch das komplette Gegenteil kann helfen: abschalten und entspannen. Das kann durch Meditation gelingen, aber auch ein Spaziergang oder eine Fahrradtour helfen dabei, sich seiner Gedanken bewusst zu werden. Wichtig ist dabei, sich nicht von seinen Gedanken zu lösen, sondern sich zu verdeutlichen, welche Gedanken einen selbst beschränken. Sei dabei ehrlich mit dir. Denn deine Box enthält auch Vorurteile (gegenüber Menschen und Sachverhalten), Selbstzweifel („Das kann ich nicht!“) und Ängste.

Du kannst nach einiger Zeit des Nachdenkens deine Box definieren. Das ist gut. Versuche doch einmal, dich selbst vor eine fiktive Aufgabe zu stellen und analysiere, wie du an sie herangehst. Was kannst du auf deine Box zurückführen und warum? Es geht noch gar nicht um andere Möglichkeiten, sondern nur darum, dass du dir deiner Box bewusst wirst.

Aus der Box herausgekommen?


Und wie komme ich aus meiner Box raus? – Vermutlich gar nicht. Denn deine Box erweitert sich mit deinen Denkmustern. Schließlich ist „Querdenken“ ein Denkmuster und damit auch eine Box, die uns limitiert. Meist endet dieses Querdenken in zwanghaften Versuchen, Ideen aus der Luft zu greifen, die keinerlei Wert haben. Oder es endet in Frustration und Menschen geben auf, weil sie die Herausforderung nicht meistern können. Es mangelt dann schlichtweg an Ideen, weil die Aufgabe zu weit und umfassend ist.

Du sollst deine Box also nicht deshalb ausfindig machen, um sie zu verlassen (das kannst du nicht), sondern vor allem, um sie zu verstehen und das Prinzip einer Box zu verinnerlichen.

Was können wir also konkret tun, um richtig querzudenken – außerhalb der Box sogar? Wie haben es erfolgreiche – und nach Auffassung der meisten – kreative und innovative Firmen wie Apple, Google, Uber oder AirBnB geschafft? Haben die sich etwa aus ihrer Box befreit oder was haben die Menschen in diesen Unternehmen getan?

Schließlich ist „Querdenken“ auch eine Box, die uns limitiert. Meist endet dieses Querdenken in zwanghaften Versuchen Ideen aus der Luft zu greifen, die keinerlei Wert haben.Felix Thönnessen

Die Lösung: Sich selbst eine Box schaffen statt Think outside the box


Die angesprochenen Unternehmen sind beispielsweise durch Ideen entstanden, die aus neu definierten Boxen hervorgegangen sind. Da „Think outside the box“ ohnehin nicht möglich ist (jedes Denkmuster ist eine Box), ist es also sinnvoller, eine neue Box zu suchen oder selbst eine zu definieren. Dabei geht es darum, sich selbst einen Rahmen zu geben, in dem man denken kann. Es geht also nicht darum, etwas anders zu machen, als die eigene Box es einem vorschreibt. Vielmehr geht darum, sich eine andere Box zu schaffen und somit auch andere Rahmenbedingungen für das kreative Denken vorzufinden.

Studien haben gezeigt, dass Menschen unter diesen Bedingungen eine Vielzahl an Ideen, teilweise sogar sehr gute Ideen, generieren. Einfach, weil wir es gewohnt sind, so zu denken. Es fällt uns schlichtweg einfacher, innerhalb von Systemen zu denken als außerhalb. Wenn überhaupt kein System vorhanden ist – der Rahmen in Form von Zielen oder einer Ausgangslage also fehlt -, fehlt es auch an Orientierung. Dabei kommt es dann eher zu den oben angesprochenen, aus der Luft gegriffenen und unbrauchbaren Ideen. Das ist kein Zeugnis mangelnder Kreativität, sondern entspricht dem Naturell des Menschen. Wer Ideen generieren will, braucht also eine neue Box und ein neues – ganz anderes – Regelwerk.

Wie du deine neue Box kreierst


Drei Punkte, die aus meiner Erfahrung helfen, eine neue Box zu kreieren:

1. Klare Ziele und Vorgaben

Wir wissen aus Produktentwicklungen, dass es einfacher ist, Lösungen zu finden, wenn man klare Vorgaben hat. Wenn du bspw. auf der Suche nach einem neuen Produkt bist, befasse dich doch erst einmal mit allen Faktoren außer dem Produkt selbst: Wer ist die Zielgruppe? Welche Positionierung soll es haben? Für welchen Preis soll es angeboten werden? Setz dir hier einen Rahmen – also eine Box – fest und sieh, welche Ideen dir kommen. Vermutlich mehr als ohne diese Vorgaben. Denn diese hier aufgeführten Faktoren zwingend ja gewissermaßen zu Folgeüberlegungen.

Darunter sind etwa: „Was mag meine Zielgruppe?“, „Was soll mein Produkt ausmachen und mit was konkurriert es eigentlich?“ und „Welches Material kommt aufgrund des Preises nicht in Frage?“

Das Beachten des Drumherums der eigenen Kernfrage lässt dich ganz anderen Ansätzen folgen. Somit hast du außerhalb deiner Box gedacht, weil eine andere Box in den Vordergrund getreten ist. Du denkst also nicht darüber nach, wie genau dein Produkt aussehen soll, sondern du denkst darüber nach, wie die Antworten auf die oben gestellten Fragen in Form von Eigenschaften aussehen könnten. Damit bewegst du dich aus einer ganz anderen Perspektive auf die Kernfrage zu.

2. Vergleiche ziehen

Was haben Disneyland, Ben & Jerry und Rollerskates gemeinsam? Alle wurden ursprünglich für Kinder produziert und nun jedoch für Erwachsene zu einem teureren Preis vermarktet. Na?

Erinnere dich zurück an deine Kindheit und beschäftige dich mit liebgewonnenen Erinnerungen. Welche Produkte und Marken spielen da eine Rolle? Und könnte man nicht ganz ähnliche Produkte auch erfolgreich an Erwachsene vermarkten. Oder anders gefragt: Was ist so gut an den Dingen aus der Vergangenheit, dass du es gern jetzt noch nutzen wollen würdest?

„Think outside the box“ heißt manchmal eben auch, dass man sich mit dem befasst, was schon da ist.

3. Stell die richtigen Fragen

„Welche Bedürfnisse gibt es, die bestehende Produkte unbefriedigt lassen?“

Was hältst du von dieser Frage? Wenn du die letzten Zeilen aufmerksam gelesen hast, weißt du, dass diese Frage nicht konkret genug ist. Es ist also wichtig, die Fragen so eng wie möglich zu stellen, um eine neue Box zu definieren. Eine bessere Frage wäre: „Welche Bedürfnisse lässt der Handymarkt unbefriedigt, derer sich der Kunde im Zweifel gar nicht bewusst ist.“ So oder so ähnlich muss die Frage gelautet haben, die sich Steve Jobs und Apple vor Einführung des iPhones gestellt haben.

Nicht jede Idee, die so zustande kommt, ist gleichzeitig auch eine One-Million-Dollar Idee. Aber eventuell befindet sich genau diese gesuchte Idee in einer von dir ausgewählten Box – oder sogar in deiner eigenen.

Ein Praxis-Beispiel: Ich habe mit diesen Out of the Box Techniken meine Keynote Speaker Vorträge entworfen. Schließlich wollen 45 Minuten vor Publikum sehr gut geplant sein. Ein Vortrag von der Stange kann ich schließlich nicht bringen!

Als Keynote Speaker unterwegs

Gerne auch bei Ihnen

Zum Thema Change Management und Think outside the box bin ich als Redner unterwegs.


Zusammengefasst:

„Think outside the box“ ist ein Begriff, der eigentlich meint, auch mal aus Denkmustern auszubrechen. Das Problem ist, dass auch der Wille outside the box zu denken schon wieder eine neue Box ist. Besser und zielführender ist es deshalb, die eigene Box kennenzulernen und einfach mal zur Seite zu stellen. Such dir eine neue Box oder schaff dir eine eigene. Die Hauptsache ist, dass du gänzlich neue Ansätze der Ideenfindung für dich entdeckst. Das Querdenken ist eine Technik, die du erlernen kannst.

Was machst du, um deine Kreativität freizulassen oder neue Ideen zu finden? Hast du eine besondere Methode oder Tipps?

Lass es uns wissen.

Über Felix

Felix Thönnessen

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Frank-Uwe Habicht

Früh um 7:00 über eine so frisch daher kommende site zu „stolpern“ toppt den Becher Kaffee dazu.
Ich arbeite für einen kleinen gemeinnützigen Verein in Berlin, der sich seit einem viertel Jahrhundert dazu verschrieben hat, Migranten und Flüchtlingen das ankommen in unserer
Gesellschaft zu erleichtern. Auch wenn wir das mit Erfolg immer wieder und weiter auf die Reihe
bekommen ( Stichwort Fördermittel ), irgendwann kommt der Punkt, und so fangen auch wir an,
über strategische Neuausrichtung nachzudenken. Und über Effizienz und Arbeitsweise.
Gedanken dazu werden hier gut befördert. Nehme ich heute mit auf Arbeit. Frohes Schaffen.

Jürgen Binning

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