Was Corporates von Startups lernen können

Felix Thönnessen 0 Comments

Ich liebe Start-ups und ich liebe erfolgreiche Unternehmen. In letzter Zeit werde ich immer häufiger von unseren Mittelstandskunden gefragt, was diese von Start-ups lernen können. Klar, etablierte Unternehmen haben eine feste Stellung im Markt und ihre Position meist über Jahre hinweg kontinuierlich aufgebaut.

Kunden vertrauen ihnen, das Personal ist routiniert und am Ende des Tages springt hoffentlich ein vernünftiger Gewinn raus. Allerdings stehen viele Unternehmen vor einem Problem: Wachstum. Besonders überdurchschnittliches Wachstum lässt meist lange auf sich warten. Doch genau dies ist es, was erfolgreiche Unternehmen von durchschnittlichen Konzernen abhebt: sie finden immer wieder neue Wege den natürlichen Lebenszyklus auszutricksen und Wachstumsmöglichkeiten zu erzeugen. Sie erfinden sich und ihre Produkte oder Dienstleistungen im wahrsten Sinne regelmäßig neu.

Diese Unternehmen sind meist sehr lernfreudig und risikobereit. Genauso wie Start-ups. Regelmäßig schaffen es Start-ups, abnormales Wachstum zu erzeugen. Klar, handelt es sich dort meist um Industrien und Märkte, die grundsätzlich auch ein höheres Wachstum bieten. Aber wie kommt es, dass selbst in etablierten Märkten Start-ups aufholen und manchmal auch durchdringen?

Vor allem, weil sich Start-ups nicht an die Regeln halten (müssen), die fixe und inflexible Konzernstrukturen mit sich bringen. Doch kann man diese Strukturen auch etwas umschiffen, wenn man denn nur will. Konzerne und Mittelständler können von Start-ups also jede Menge lernen.

Als Unternehmens- und Existenzgründungsberater kenne ich beide Welten nur zu gut: sowohl die großen Bürokomplexe der Konzerne als auch die kleinen Garagen der Start-ups und weiß, was beide voneinander lernen können.

1) Der Drang nach Innovation

Nehmen wir einmal an, Sie wollen sich ein neues Smartphone kaufen. Abgesehen von der Marke und einigen Betriebsfunktionen sind hier kaum noch Unterschiede zu erkennen. In den meisten Fällen kaufen wir dann Produkte aufgrund von Präferenzen zu einer bestimmten Marke, da Neuheiten höchstens inkrementeller Natur zu sein scheinen. In einem etablierten Unternehmen müssen Sie Ihre Stellung im Markt halten und mitziehen, da bleibt oft wenig Freiraum für große Innovationen.

Da haben es Start-ups doch wesentlich leichter. Sie sind der Inbegriff für verrückte Ideen und technische Innovationen und scheuen nicht vor möglichen Verlusten. Gerade in einer Zeit, in der Produkte sich kaum noch voneinander unterscheiden und Produktlebenszyklen immer kürzer werden, spielt Innovationsgeist eine große Rolle. Denken Sie doch nur einmal an die Automobilindustrie. Automodelle halten es maximal noch zwei Jahre auf dem Markt ehe ein Facelift oder Update fällig ist, die Innovationskraft scheint zu stagnieren. Und plötzlich kommt ein US-amerikanisches Start-up auf den Markt, dass eine Milliardenindustrie aufwirbelt: es ist natürlich Tesla. Aber auch in andern Märkten (bspw. im Banking) erkennt man solche Bewegungen.

Als eingesessenes Unternehmen können Sie von diesem Drang zur Innovation lernen. Der Markt verändert sich stetig, schwimmen Sie nicht nur mit, sondern seien Sie Vorreiter. Investieren Sie in neue Technologien und Trends. Und investieren Sie vor allem in Ihre Köpfe. Nur wer weiß, was außerhalb der eigenen Mauern abspielt, kann auch andere Firmen dominieren.

Dafür benötigt es natürlich kreative Köpfe, die sich mit geeigneten Ideen und Technologien auseinandersetzen. Am besten eignen sich hierfür funktionsübergreifende Teams, die solche Entwicklungen vorantreiben. Das erfordert jedoch jede Menge Zeit und Ressourcen. Warum dann nicht einfach mit Start-ups zusammenarbeiten? Erstellen Sie beispielsweise Accelerator-Programme und holen sich dadurch kreative Start-ups in Ihr Unternehmen. Dadurch profitieren nicht nur Sie durch frische innovative Lösungen, sondern auch das Start-up selbst durch Ihre Erfahrungswerte und Ihr Know-how. Die Integration des Start-ups in Ihrem Entwicklungsteam ist dabei der Schlüssel zum Erfolg.

2) Schneller sein als Lucky Luke

Bestehende Strukturen haben den wesentlichen Vorteil, dass sie Sicherheit bieten und Standhaftigkeit repräsentieren. Viele Stammkunden haben Sie bereits gewinnen können, die Ihre Position im Markt stützen. Doch Kunden wollen immer etwas Neues, Besseres oder Innovativeres. Da ist es oft schwer einen Mehrwert zu bieten, der immer passend zum aktuellen Trend ist. Was hier fehlt, ist die nötige Schnelligkeit auf die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden zu reagieren.

Ihre fixen Strukturen machen es Ihnen schwer neue Ideen schnell in die Tat umzusetzen, da diese oft einen langen Entscheidungspfad zurücklegen müssen. Start-ups geht es da anders.

Der Markt ist meist nicht vorhanden oder mit starken Informationsasymmetrien versehen, viele verschiedene Stakeholder strömen in den Markt (Kunden wir auch Konkurrenten) und eine klare Richtung ist nicht abzusehen. Es heißt also schneller zu sein als die Konkurrenz: in der Reaktion und Umsetzung.

Natürlich spielt hier die flache Hierarchie und kurze Entscheidungswege eine eminente Rolle für die schnelle Umsetzung. Fragen Sie sich als Unternehmer, ob es wirklich notwendig ist, jede Entscheidung erst durch verschiedene Stellen absegnen zu lassen, bevor sie umgesetzt werden. Können eventuell einzelne Mitarbeiter oder Abteilungsleiter in wichtigen (Entwicklungs-)Abteilungen mit mehr Autonomie ausgestattet werden und dadurch nicht nur schneller, sondern auch flexibler agieren?

3) Das kleine Chamäleon

Wie wir sehen stehen Start-ups und deren Märkte im ständigen Wandel und sind massiven Veränderungen ausgesetzt. Was würde eigentlich passieren, wenn Ihr Markt plötzlich durchgerüttelt werden. Würde Ihr Unternehmen überleben?

Natürlich werden in dynamischen Märkten auch viele Start-ups wieder liquidiert, doch warum schaffen es dennoch jede Menge Start-ups diese hitzigen Märkte zu überleben? Das schreit nur so nach Darwinismus.

Betreten Start-ups einen neuen, wohl möglich unbekannten Markt, ist es nahezu notwendig flexibel auf die Wünsche der Kunden einzugehen, um Produkte weiterzuentwickeln und sich im Markt zu etablieren. Und manchmal ist es sogar notwendig sich von seinem ursprünglichen Geschäftsmodell komplett zu verabschieden. So geschehen zuletzt bei dem Start-up GoButler, ursprünglich ein sogenannter Concierge-Service, heute eher ein Softwareanbieter für Geschäftskunden. „Pivot“ nennt man so einen Wandel in der Start-up-Szene.

Diese Agilität fehlt vielen Unternehmen. Oftmals fehlt aber auch der Mut solche Änderungen vorzunehmen. Natürlich müssen diese nicht immer so radikal sein, aber Wandlungsfähigkeit ist wichtig. General Motors hat diesen Wandel beispielsweise mit seinem OnStar-System in die Wege geleitet. Weg vom Automobilproduzenten, hin zu einem dienstleistungsorientierten Geschäftsmodel. Klar, GM produziert immer noch Autos, doch konnten sie sich so ein zweites wichtiges Standbein für die Zukunft aufbauen.

Wie kann man denn nun an dieser Stelle von Start-ups lernen? In der Struktur: Wenn diese gelockert werden, bekommen Mitarbeiter aus allen Ebenen die Chance am Wachstum mitzuwirken und werden freier eigene Ideen einzubringen und umzusetzen. Das fängt an bei strategischen Richtlinien hin zu mehr Freiheit und Zeit für eigene Projekte. Was glauben Sie wohl, weshalb Mitarbeiter bei Google einen bestimmten Zeitraum pro Woche an eigenen Projekten verbringen dürfen? Ich wette, das ist für Sie keine Neuigkeit, aber warum geben Sie Ihren Mitarbeitern nicht einfach mehr Zeit und Freiräume?

4) Ein bisschen Kreativität muss sein

Stöbern Sie doch einmal auf Plattformen wie Indiegogo oder Kickstarter und schauen Sie sich an, welche Ideen dort von innovativen Start-ups umgesetzt werden. Häufig bin ich wirklich überrascht, was alles möglich ist. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Manche Ideen sind sicherlich nicht marktfähig, aber manchmal ist gerade diese eine verrückte Idee genau die, nach der sich alle so lange gesehnt haben. Und auf solchen Crowdfunding-Plattformen finden diese Ideen teils riesige Anhängerschaften. Start-ups experimentieren mit neuen Ideen und denken oft in völlig andere Richtungen. Das wird belohnt.

Einige Unternehmen hingegen sind in dieser Hinsicht doch manchmal ein wenig eingerostet. Das soll nicht heißen, dass in den Köpfen der Mitarbeiter keine genialen Ideen schlummern, nur werden diese durch feste Strukturen und die alltägliche Routine in den Hintergrund gedrängt.

Aber Kreativität kann man auch in vorhandenen Strukturen fördern. Da helfen zum Beispiel eine Reihe an Kreativitätstechniken oder Workshops mit fachfremden Experten (Stichwort: Synergien!). Und nein, hier reden wir nicht von ineffizientem Brainstorming, wie wir es zu Schulzeiten zur Wahl des Ziels der Abschlussfahrt gemacht haben, sondern von Kreativitätstechniken mit System. Hier gibt es mehr als Sie sich vorstellen können. Solche Techniken bringen nicht nur Abwechslung und Frische in den Arbeitsalltag, sondern erlauben auch neue Gedanken in den Entwicklungsprozess einzubringen.

5) Das Quäntchen Risiko

In die Selbstständigkeit zu starten ist ein mutiger Schritt, der mit vielen Kosten und Aufwand verbunden ist. Schließlich baut man sich als Gründer eine eigene Existenz auf. Wird die eigene Idee dann von den Kunden angenommen, kann es richtig losgehen. Wird sie es nicht, steht man meist vor einem Scherbenhaufen. Doch ohne dieses Risiko geht es nicht. Auch der Gründer Ihres Unternehmens ist ursprünglich dieses Risiko eingegangen und hat alles auf eine Karte gesetzt.

Der Antrieb durch die eigene Idee einen Traum zu verwirklichen, rückt viele Gründer aus ihrer Komfortzone heraus, wodurch interessante Geschäftsmodelle und Produkte entstehen.

Natürlich haben Start-ups im Gegensatz zu bestehenden Unternehmen noch weniger Verantwortung zu tragen, dennoch sehnen sich viele große Unternehmen lieber in Sicherheit als einmal den Sprung ins kalte Wasser zu wagen. Es geht in der Wirtschaft immer darum Profite zu erzielen und viele Unternehmen sind auch durch ihre Anteilseigner und Aktionäre eingeschränkt, aber Angst war noch nie ein guter Berater.

Trotz großer Verantwortung können Sie sich durch den Mut der Start-ups inspirieren lassen, um vielleicht eine innovative Idee oder Veränderung in der bestehenden Struktur durchzusetzen. Was halten Sie davon?

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